24. September 2015

Mich gibt es noch | I'm still here

Es gibt mich noch. Wirklich! Seit fast zwei Wochen hat uns der Alltag wieder. Der Sohn ist wieder in der Schule und ich am Schreibtisch.

Der Sommer war unglaublich. Das Wetter zum Beispiel. Unglaublich! Unsere Familienzeiten. Phänomenal! Die tägliche Portion Eis. Lecker! Wir waren nicht wirklich im Urlaub, haben aber mehrere kürzere Touren in der Alpenregion unternommen. Ein toller Sommer also … wenn da nicht das kleine „wenn" wäre.

Mädels, die politische und soziale Situation beschäftigt mich gerade ganz gewaltig. Und sie hat mich die letzten Wochen auch gelähmt. Ich verbringe so viel Zeit damit, im Internet zu surfen, zu schauen was gerade passiert. Irgendwo auf dem Weg zwischen Syrien und Deutschland. Zwischen der nordafrikanischen Küste und Italien. Und: was bei uns im Land passiert. Ich verbringe Stunden bei Facebook, in der Tagesschau-App und klicke mich durch die Kommentare dort. Ich versuche in ausländischen Medien die Situation zu erfassen. Und ich bin fassungslos. Von so vielen hasserfüllten Kommentaren. Von latenter Ausländerfeindlichkeit „Ich habe nichts gegen Ausländer, ABER …". Und ich suche geradezu im Netz auch nach guten Nachrichten. Kleine Geschichten und Gesten, die einfach froh machen. Wenn Familien die getrennt reisen müssen, wieder zusammenfinden. Wenn Flüchtling und Bewohner aufeinander zugehen. Und merken, dass der andere auch nur Mensch ist. Wenn ganze Gemeinden Willkommenspartys schmeißen.

Und doch habe auch ich viele Befürchtungen. Werden wir die Menschen überhaupt richtig integrieren können? Arbeit ist dafür ein ganz wichtiger Baustein. Aber woher sollen wir denn die vielen Arbeitsstellen nehmen? Was ist, wenn der Winter kommt? Werden wir dann erfrorene Kinder in den Medien sehen? Anstelle von Ertrunkenen? Wie wird sich die Wohnsituation auswirken? Schon jetzt stehen in den Großstädten Dutzende Bewerber für jede Wohnung an. Auf der anderen Seite sind die Massenunterkünfte grausam. Mit so vielen Menschen auf engem Raum kann es ja nur zu Aggressionen kommen. Und vor allem: Welche Falschinformationen werden von unseren Medien bewusst gestreut auf der Suche nach der besten Headline?

Aber was wäre die Alternative? Grenzen zu? Nein! Gibt es überhaupt eine Alternative? Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie ich als SyrerIn oder IrakerIn in einem Kriegsgebiet handeln würde. Die Antwort ist ganz einfach: Ich würde auch gehen. Ich würde mein Kind schützen. Ich würde einen Rucksack packen mit den wichtigsten Dingen (und mein Handy wäre auch dabei!) und ich würde unseren Sohn an die Hand nehmen und losgehen. Aber wie können dann Menschen fordern, die Grenzen zu schließen und die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen? Es ist mir unbegreiflich.

Meine Gedanken bringen mich immer wieder an einen Punkt: Inwieweit hat der Hass der Rechten – egal ob Bürger oder Politiker – überhaupt erst zu einer Willkommenskultur geführt? Wenn empathiefähige Menschen gerade WEGEN der Anschläge und Übergriffe auf Ausländer überhaupt erst zeigen mussten, dass Deutschland auch anders kann. Und deshalb Willkommenspartys feiern und die Ankommenden mit Applaus begrüßen. Dann schicke ich immer ein klitzekleines „Danke" an alle Rechten: Ihr habt die Willkommenskultur erst möglich gemacht. Euer Plan ist nach hinten losgegangen! Und dann muss ich immer ein wenig in mich reinlächeln.

Über der ganzen Flüchtlingsfrage treten andere Probleme gerade völlig in den Hintergrund. TTIP zum Beispiel. Ein Freihandelsabkommen, bei dem ich noch keinen Vorteil für die Bürger Europas erkannt habe. Das ist allerdings eine ganz andere Baustelle. Aber wenn es euch interessiert, könnt ihr bei Campact die wichtigsten Kritikpunkte nachlesen.

Bei The Blogbook habe ich vor ein paar Tagen einen guten Spruch gelesen: "Keep the pen going". Und das ist genau das, was ich jetzt auch wieder machen werde. Ich werde weiterhin das Internet umwälzen, ich werde verschiedene Informationsquellen bemühen und mir meine Infos zusammensuchen. Und ich werde meinen Stift weitermachen lassen. Den tollen Post zu „Keep the pen going" von Carolin könnt ihr hier lesen.

Und hier werden wir uns jetzt wieder häufiger lesen. Versprochen! 


I'm still here. Seriously. For almost two weeks our everyday life is back. Our son is back in school and I'm back at my desk.

This summer was incredible. The weather for example. Incredible! Our family times. Priceless! Our daily portion of ice cream. Yummy! We didn't really go on a vacation trip, but we did several short trips into the alps. A great Summer ... if there weren't all these "ifs and buts".

Girls, I'm really concerned with this political and social situation. And it also paralized me. I spend so much time on the internet to see what's happening. Somewhere inbetween Syria and Germany. Between the African coast and Italy. But most: what's happening in our country. I spend hours in Facebook, the Tagesschau news app and read through the comments. I try to understand what's happening reading foreign news. And I'm stunning. By all the hateful comments. By all the latent xenophobia "I don't mind refugees, BUT ..." And I also search for good news. Little stories and gestures that make my heart easy. When families reunite that had to travel separate. When refugees and residents approach each other. And find out that the other one is human as well. Or when complete comunities organize welcome parties.

I have to admit that I do have a lot of concerns. Are we able to integrate all these people? Work is a major factor for integration. But where to get all the new jobs from? What is when Winter comes? Do we get to see frozen children in the media? Instead of drowned ones? What about the living situation? By now there are dozens of applicants for every single appartment in big cities. But these accomodations for refugees are cruel. With so many people in so little space aggressions are preassigned. But one of the major question is: What false information does our media spread while searching for the best headline?

What's the alternative? Close the borders? No way! Are there alternatives at all? I often ask myself how I would react, if I was Syrian or Iraqi living in an operational zone. Easy answer: I would go. I would try to protect my child. I would take my backpack with some important things (including my mobil) and I would take our son and go. But how can people demand to close the borders and leave those people to their fate? I can hardly take that.

My thoughts always bring me to one point: I wonder how the cruel actions of those haters - no matter whether politician or private person - led to our open arms policy as a total contrast. What if empathetic people had to demonstrate that we can do different BECAUSE of these impacts. And therefore organize welcome parties and welcome refugees with applause. At this point I send a  little "thank you" to those haters: You made our open arms policy possible. Your plan backfired! And then there's a little pure smile in me.

Over the whole refugee issue other problems just completely fade into the background. TTIP for example. A free trade agreement, in which I have not found any benefit for the european citizens. However, that's a different story. But if you are interrested in it, you can read about the concerns on the Campact Website.

Carolin from The Blogbook wrote a wonderful article about the refugee situation and her conclusion "Keep the pen going". And that's what I'm goint to do: I keep my pen going. On this blog we are reading us more frequently again. Promised!

Kreative Grüße,

Kommentare:

  1. Hi, MIri!
    Du sprichst mir so aus dem Herzen. Jedes Wort in Deinem Text kann ich nur unterschreiben....
    Ich verstehe einfach nicht, wo der ganze Hass herkommt. Wenn man im Internet etwas recherchiert, die vielen abartigen Kommentare liest, dann überkommt einen nur Fassungslosigkeit über soviel Menschenverachtung und fehlende Empathie.
    Es ist so wichtig, dagegen zu halten!
    Liebe Grüße, Heike

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  2. Ach Miriam, wie schön von Dir zu lesen!
    Du hast mit Allem so Recht. Ich bin ein wenig beruflich involviert und glaube auch, dass niemand in so einer Massenunterkunft sein Dasein fristen möchte. Es wird dauern bis alle ein Zuhause haben, einen Job und eine Zukunft, aber ich bin ganz fest davon überzeugt, dass es klappt.
    Unseren Großeltern und Eltern wurde auch damals geholfen und jetzt helfen eben wir.

    GLG Ines♥

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  3. Liebe Miriam,
    mir geht es ähnlich wie dir. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich gedanklich mit diesen vielen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben. Nun wohne ich in Hamburg in der Nähe des Hauptbahnhofs. Auf einem Mal waren viele von diesen Menschen auf der Flucht hier. Viele warten auf eine Möglichkeit, weiter nach Skandinavien zu fahren. Schnell fanden sich Helfer. Wir brachten zunächst Biertischgarnituren zum Bahnhof, damit die Menschen ihr Essen nicht auf dem Boden sitzend essen müssen. Jetzt haben wir jede Nacht ca 8 Gäste - meist Familien mit kleinen Kindern, denen wir etwas zu Essen und ein sauberes Bett anbieten können - und ein paar friedliche Stunden, um sich auszuruhen. Es tut gut, etwas machen zu können. Ich hoffe sehr, dass die große Hilfsbereitschaft anhält und viele Menschen gemeinsam Lösungen finden, wenn es Probleme gibt. Wenn ich die Menschen sehe, die am Bahnhof alles mögliche anschleppen, was benötigt wird, lässt es mich hoffen.
    Liebe Grüße,
    Sabine

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  4. Danke für diesen Beitrag in dieser (oft zu) heilen Näh- und BastelBloggerWelt.
    und TTIP soll bis Ende des Jahres durchgewunken werden...

    LG Lena

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Danke dass du reinschaust. Ich freu' mich über jeden Kommentar.
Thanks for stopping by. I'm looking forward to any comment.

Yours, Miriam